Wer durch Nidderau geht, dem fällt auf: Das Gras an Straßenrändern und auf Verkehrsinseln steht aktuell teilweise kniehoch. Statt wie ein akribisch gestutzter englischer Rasen präsentiert sich das öffentliche Grün stellenweise bunt und wild. Was zunächst einmal wild anmuten mag, ist jedoch nicht auf Vernachlässigung der Flächen zurückzuführen. Die gewollte „Wildheit“ ist Ergebnis eines anerkannten Pflegekonzepts, das der lokalen Artenvielfalt und dem Klimaschutz dient, teilt der Fachbereich Umwelt der Stadtverwaltung mit.
Warum steht das Gras so hoch? Im späten Frühling und im Frühsommer finden in der Natur essenzielle Entwicklungen statt: Im Mai und Juni erreichen viele heimische Wildkräuter ihre Hauptblütezeit. Würden die Blühflächen früher abgemäht, verlöre die heimische Tierwelt – von Wildbienen und Schmetterlingen bis hin zu Kleinsäugern, Amphibien und Vögeln - wichtige Nahrungsquellen und Lebensräume. Zudem könnten sich die Pflanzen nicht versamen.
Weg vom sterilen Einheitsgrün, stattdessen mehr urbane Natur: Die temporär wilden Flächen bereichern das Stadtbild durch Blütenpracht und eine lebendige Insektenvielfalt.
Das Mähen als Balanceakt
Ende Juni und Anfang Juli beginnt für viele Pflanzen die Zeit der Samenreife. Auch wenn es zunächst wie ein Kahlschlag der noch teils in Blüte stehenden Flächen erscheinen mag, ist dies der ideale Zeitpunkt für die erste große Mahd der Saison. Um Artenvielfalt und Klima zu schützen, wird zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht alles gleichzeitig gemäht. Vielmehr werden vom Bauhof in fachgerechter Weise mehrere Aspekte beachtet, um Artenvielfalt und
Klimaschutz durch fachgerechte Mahd zu gewährleisten:
Gestaffeltes Mähen: Um Tieren eine Überlebenschance zu geben, wird stellenweise nur abschnittsweise gemäht. So bleiben immer Rückzugsräume bestehen, in die Insekten, Amphibien und Kleinsäuger ausweichen können.
Der Erhalt von Säumen: Ränder und Wegesäume werden meist erst im Spätsommer oder Herbst gemäht bzw. erst nach dem Winter, um überwinternden Insekten einen Unterschlupf zu bieten.
Schnittgut entfernen: Nach dem Mähen wird das Heu von den Flächen abtransportiert. Dies dient der Ausmagerung der Böden, die sinnvoll ist, weil auf nähstoffarmen Böden eine größere Artenvielfalt an Blühpflanzen entstehen kann, während nährstoffreiche Standorte oft einen höheren Grasanteil aufweisen.
Ein Gewinn für Mikroklima und Auge
Hohes Gras und Blühflächen sind nicht nur ein wichtiger Beitrag zum Artenschutz, sondern erfüllen auch wichtige stadtklimatische Funktionen. Klimaschutz beginnt im Boden. Lange Gräser und eine vielfältige Vegetation dienen nicht nur den Insekten, sondern auch dem aktiven Klimaschutz.
Feuchtigkeitsspeicherung: Steht das Gras länger, beschatten die Halme den Boden. Dieser trocknet bei Frühlingshitze oder in Dürreperioden deutlich langsamer aus.
Kühlung: Der dichte Bewuchs sorgt für ein kühleres Mikroklima, da durch viele und höhere Pflanzen diese mehr Wasser verdunsten, was wiederum mehr Verdunstungskälte erzeugt. Gleichzeitig wird durch den dichteren Bewuchs das Bodenleben geschützt.
CO2-Bindung: Ein kräftigeres Wurzelwerk, das sich durch spätere Mahd besser entwickeln kann, bindet im Boden langfristig mehr Kohlenstoff.
Magistrat der Stadt Nidderau
08.06.2026
Andreas Bär
Bürgermeister


