Die finanzielle Situation der Stadt Nidderau stand im Blickpunkt der Bürgerversammlung und der Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten. Im Mittelpunkt des Interesses der zahlreichen Bürgerinnen und Bürger stand die prognostizierte Erhöhung der Grundsteuer B von 733 auf 1.400 Prozentpunkte. Ein Rekordwert in Deutschland? Diese in den sozialen Medien verbreitete oft wiederholte Behauptung korrigierte Erster Stadtrat und Kämmerer Rainer Vogel auf der Bürgerversammlung: „Schon jetzt erheben in Hessen mehrere Kommunen einen höheren Wert. Und die Tendenz sei klar, dass in vielen Kommunen ein vierstelliger Hebesatz schon bald die neue Realität werde. Dies sei kein Trost, aber ein klares Zeichen, dass es sich nicht um ein Nidderauer Phänomen handele, sondern um einen Beleg für eine chronische strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen. Vier von fünf Städten und Gemeinden in Deutschland werden für 2027 keinen ausgeglichenen Etat vorlegen können.“
Der Kämmerer hatte zuvor in Ostheim dezidiert dargelegt, welche Entwicklungen in Nidderau dazu geführt haben: Gesunkene Schlüsselzuweisungen von Bund und Land, eine in wenigen Jahren um rund zehn Millionen Euro gestiegene Umlage an den Main-Kinzig-Kreis, nicht zuletzt aufgrund hoher Tarifabschlüsse von 13 auf 20 Millionen Euro angewachsene Personalkosten, inflationsbedingt stark erhöhte Kosten für Sachaufwendungen, Dienstleistungen und Bauvorhaben. Die selbst generierten Einnahmen durch Grund- und Gewerbesteuer seien stabil bis leicht steigend geblieben.
„Wir konnten diese steigenden Ausgaben über Jahre über andere Einnahmen abfedern und auf eine Erhöhung der Grundsteuern verzichten. Jetzt geht das nicht mehr“, erklärte Vogel. Auch die Rücklage sei aufgebraucht. Trotz aller Erfolge des Konsolidierungsgipfels aller Parteien bleibe die Erhöhung von Grund- und Gewerbesteuer der einzige Ausweg, um einen von den Aufsichtsbehörden genehmigten Haushalt aufzustellen. Die Pflicht zum Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben führe zum Zwang der Erhöhung.
Die Marke 1.400 Prozentpunkte Grundsteuer B sei bislang nur eine „Rechengröße“, machte Stadtverordnetenvorsteher Jan Jakobi auf der Bürgerversammlung deutlich. Ergebnisse und Zeitpunkt der Auswirkung der Beschlüsse des Spargipfels aller Fraktionen seien noch nicht kalkulierbar, könnten aber zu einer Reduzierung des Wertes führen. Die Kritik, man habe nicht rechtzeitig entgegengesteuert, entgegnete Kämmerer Vogel: „Als Stadt haben wir nicht die Reaktionsfähigkeit, die private Unternehmen haben.“ Direkt beeinflussen könne man nur die freiwilligen Leistungen, die bei einem Haushalt von 60 Millionen Euro lediglich ein Volumen von rund 3,8 Millionen Euro ausmachen.
Eine mittelfristige Reduzierung der Ausgaben sei vor allem im Bereich der Kindertagesstätten möglich, weil die Betreuungszahlen sinken. Hoffnung gebe auch das geplante Windparkprojekt bei Ostheim, dass bis zu 880.000 Euro Einnahmen im Jahr bescheren könnte. Und durch die umfassenden Investitionen in die Infrastruktur sei man gewappnet für die Zukunft. „Was auf andere Kommunen noch zukommt und jetzt womöglich nicht mehr finanzierbar ist, haben wir schon weitestgehend erledigt“, sagte Vogel.
Magistrat der Stadt Nidderau
29.10.2026
Andreas Bär
Bürgermeister

