Alle müssen einen Beitrag leisten. Alle müssen ein Stück weit Verzicht üben. Der Zwang des Faktischen führt zu unliebsamen Entscheidungen. Die Stadt Nidderau setzt den Rotstift in den eigenen Reihen an, muss aber zugleich mehr von den Bürgern einfordern. Die Grundsteuer wird steigen. Im Rahmen des Konsolidierungsgipfels hat der Haupt- und Finanzausschuss (HFA) ein Paket von 40 Maßnahmen geschnürt, das von der Stadtverordnetenversammlung am 1. Oktober beschlossen werden soll. Die Ergebnisse des „Spargipfels“ sind Bestandteil des Haushaltssicherungskonzepts. Ohne dieses Konzept ist die Genehmigung des Etats 2027 durch die Kreisaufsicht des Main-Kinzig-Kreises nicht möglich.
SPD, CDU, Grüne und FDP-Freie Wähler haben den Schulterschluss geübt, überparteilich Vorschläge gemeinsam erarbeitet, um trotz aller Zwänge nichts kaputt zu sparen, sondern die Attraktivität der Stadt weiter zu gestalten. „Die gemeinsame Suche nach Lösungsansätzen ist ein ebenso außergewöhnliches wie starkes Zeichen“, sagte Bürgermeister Andreas Bär. „Wir haben es uns in keinem Punkt leicht gemacht“, versicherte HFA-Vorsitzender Jörg Blattermann.
Es ist kein Nidderauer Phänomen: Städte und Gemeinden befinden sich der größten Finanzkrise seit Bestehen der Bundesrepublik. Die Defizite in den Kernhaushalten, also für das reine Verwaltungsgeschäft, haben sich bundesweit von 2023 bis 2025 vervierfacht. Die Gründe sind nicht hausgemacht: immer mehr Pflichtaufgaben bei teils rückläufigen Einnahmen, dazu steigende Personal- und Sachkosten. Die erste Folge: Im Main-Kinzig-Kreis verfügen mehrere Kommunen noch nicht über einen genehmigten Haushalt für das laufende Jahr. Die Lage für die kommende Jahr ist noch dramatischer. Die Kommunen stehen mit dem Rücken zur Wand.
Konkret bedeutet das für Nidderau: Im Etat 2027 fehlen 9,2 Millionen Euro. Durch das Maßnahmenpaket erwartet die Kämmerei Einsparungen von gut 700.000 Euro (2027) und mehr als 1,16 Millionen Euro in 2028. Die Verwaltung muss einen größeren Beitrag leisten: Die von den Stadtverordneten beschlossene Reduzierung der Aufwendungen für Sach- und Dienstleistungen sollen 2,6 Millionen Euro pro Jahr bescheren. Es verbleibt eine Lücke von knapp 5,2 Millionen Euro, die über die Anpassung der Hebesätze von Grund- und Gewerbesteuer geschlossen werden muss.
Nidderau setzt in Zeiten der Krise zudem auf drastische Maßnahmen: Es geht an den Bestand. Das Bürgerhaus Hessischer Hof in Heldenbergen steht zum Verkauf. Erhoffter Erlös: 720.000 Euro. Der Pfaffenhof Erbstadt soll wie einst der Bürgerhof Ostheim in die Hände eines Trägervereins übergeben werden. Auf der Verkaufsliste steht auch das Gelände der ehemaligen Wertstoffsammelstelle. Einnahmen von 1,2 Millionen Euro erhofft sich die Politik aus dem Verkauf von Ökopunkten. Diese erhielt Nidderau für die Stilllegung von Teilflächen des Waldes und können von anderen Kommunen als Ausgleich für die Versiegelung von Flächen durch Baumaßnahmen erworben werden.
Weniger Veranstaltungen, weniger Geld für Kultur
Kulturbeirat, Stadtbücherei, Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing müssen ab 2027 mit um 20 Prozent gesenkten Etats auskommen. Der Eintritt für das Nidderbad steigt für Erwachsene um 20 Prozent. Geprüft werden soll, ob die Sauna geschlossen oder an einen Dienstleister abgegeben wird. Die Seniorenweihnachtsfeier, der erst in „Herbsthunger“ umgetaufte Herbstmarkt Windecken und die Veranstaltung zum Tag der deutschen Einheit entfallen. Die musikalische Früherziehung in den Kitas wird eingestellt. Die Musikschule muss mit geringeren Zuschüssen auskommen. Gespart wird auch beim Team KJF (Kinder- und Jugendförderung) und dem Feld-Flora-Reservat.
Die Friedhofsordnung und die Richtlinien zur Vereinsförderung werden überarbeitet, wobei die Zuschüsse für Jugendarbeit unangetastet bleiben sollen. Spielapparatesteuer und Hundesteuer werden angehoben. Die Beschäftigten des Rathauses müssen mehr Eigenanteil für ihr Jobticket und Gesundheitsleistungen leisten.
Noch ergebnisoffen wird die Situation bei der Kinderbetreuung diskutiert, die der Stadt mit fast 8 Millionen Euro das größte Defizit beschert, weil die Elternbeiträge nur einen kleinen Teil der entstehenden Kosten abdecken. Die Zahl der Anmeldungen sinkt. Die Bandbreite der Optionen reicht vom kompletten Verzicht auf den Waldkindergarten über die Schließung einzelner Gruppen oder sogar einer kompletten Betreuungseinrichtung bis hin zur Kündigung der Zusammenarbeit mit den kirchlichen Trägern.
Grundsteuer wird steigen
Erster Stadtrat Rainer Vogel sprach in der HFA-Sitzung von einer „absehbaren Krise“. Bund und Land statten die Kommunen maßgeblich mit Finanzmitteln aus. Diese Erträge sind von 61 Millionen (2024) auf 54 Millionen Euro im laufenden Jahr gesunken. Die Aufwendungen, also die Summe aller Ausgaben der Verwaltung ohne die Kosten für Investitionen, summieren sich auf 65 Millionen Euro. Der immense Umfang der Pflichtaufgaben bleibt für die Stadt Nidderau unverändert bis steigend. Für die freiwilligen Leistungen – die „schönen Dinge“, wie sie Bürgermeister Bär bezeichnet – bleibt wenig bis nichts. Dennoch ist klar: Alle Maßnahmen des „Spargipfels“ genügen nicht, um die Finanzierungslücke zu schließen.
„Es passt einfach nicht. Die Probleme werden auf die Kommune abgeschoben“, sagte Kämmerer Rainer Vogel, der vorab schon eine Erhöhung der Grundsteuer für unausweichlich erachtet hatte. Denn trotz der Erfolge des „Spargipfels“ und der auf Beschluss der Stadtverordneten eingeleiteten Einsparungen in der Verwaltung bleibt unter dem Strich eine Lücke von gut 5 Millionen Euro. Um diese zu schließen, müsste Stand jetzt die Grundsteuer B ab 1. Januar 2027 auf 1.400 Prozentpunkte steigen. Weitere Sparerfolge könnten diese Zahl reduzieren. „Letztlich ist das für alle, die sich für Nidderau engagieren, die mit Abstand schlimmste Entscheidung, die uns aber von den Aufsichtsbehörden mehr oder minder aufgezwungen wird“, sagt Bürgermeister Bär.
Magistrat der Stadt Nidderau
18.09.2026
Andreas Bär
Bürgermeister

