„Spaziergänger, Jogger und Radfahrer sollten sich unbedingt von den Gebieten im Stadt- und Bürgerwald fernhalten, die wegen Baumfällarbeiten derzeit und in den nächsten Wochen deutlich sichtbar mit Hinweisbändern gesperrt sind. Es besteht akute Lebensgefahr“, beschwor Revierförster Udo Kaufmann potenzielle Waldbesucher. Bürgermeister Gerhard Schultheiß und Stephan Willems, bei Hessen Forst als Produktionsleiter für die Holzvermarktung zuständig, konnten diesen Appell bei einer Rundfahrt nur bekräftigen. Welche Gefahr vom Baumfällen ausgehen kann, demonstrierten zwei Waldarbeiten an einer etwa 30 Meter hohen Buche, die gezielt quer auf einem Waldweg niederging. Die Fällarbeiten im Winter sind Teil der Waldbewirtschaftung nach einem Zehn-Jahres-Plan, bei der pro Hektar etwa zehn Prozent des Bestands von etwa 300 Bäumen eingeschlagen werden, erläuterte Kaufmann, der seit 25 Jahren den Nidderauer Wald betreut.

Dass richtige Waldbewirtschaftung auch gute Erträge einfahren kann, zeigte sich an anderer Stelle, wo Eichenstämme auf ihren Abtransport warten. „Diese Stämme mit Premiumqualität. Vor allem zur Herstellung von hochwertigem Furnier wurden sie per Submission zu Preisen bis zu 1200 Euro pro Festmeter verkauft“, berichtete Stephan Willems. 40 bis 50 Anbieter hatten sich zuvor die Stämme vor Ort angesehen und ihre Gebote abgegeben, von denen das lukrativste den Zuschlag erhielt, so das Prozedere. Weniger hochwertiges Eichenholz erzielte trotzdem noch bis zu 500 Euro pro Festmeter und wird von den Aufkäufern zum Beispiel zu Barrique-Weinfässern verarbeitet. Noch tritt Hessen Forst als Vermarkter von Holz auf, stellte Bürgermeister Gerhard Schultheiß fest, das werde sich aber mit Stichtag 1. Oktober 2019 ändern, dann müssten die Kommunen und privaten Waldbesitzer sich selbst um den Verkauf kümmern, weil das Bundeskartellamt einen Verstoß gegen das Gesetz der Wettbewerbsbeschränkung festgestellt habe. „Die Stadt Nidderau, die mit der Vermarktung durch Hessenforst immer sehr gut gefahren ist, muss sich jetzt nach Partnern umsehen, denn allein können wir den Verkauf nicht stemmen“, stellte der Rathauschef fest und kündigte zeitnahe Beratungen über dieses Thema unter Hinzuziehung der Forstfachleute in den zuständigen Gremien an.

„Erst kam im Januar das Orkantief ‚Frederike‘ und dann die extreme Trockenheit, das hat dem Kiefernbestand den letzten Rest gegeben“, berichtete Revierförster Kaufmann vor Ort in einem deutlich geschädigten Waldstück von etwa 3,6 Hektar Größe. Rund 75 Prozent der Kiefern sind dort vom Borkenkäfer befallen, dessen Larven nun im Boden überwintern und im Frühjahr sich über die noch nicht geschädigten Bäume hermachen werden, prophezeite Kaufmann. „Lediglich ein richtig nasser Winter könnte einen Großteil der Larven abtöten“, so der Revierförster. Trotzdem müsse man jetzt handeln und die befallenen Bäume so schnell wie möglich aus dem Wald holen. Allerdings ergibt sich wegen der immensen Menge an Käfer- und Sturmwurfholz, die in diesem Jahr in Hessen anfallen, ein massives Vermarktungsproblem. „Ich rechne damit, dass nach Abzug der Erntekosten mit etwa 25 Euro lediglich ein Drittel des üblichen Marktpreises erlöst werden kann“, stellte Stephan Willems fest. Da das Gebiet aber zügig wieder – allerdings mit Eiche oder Buche – aufgeforstet werden muss, fallen zusätzliche Kosten an, die im Waldwirtschaftsplan so nicht vorgesehen sind. „Wenn wir Glück haben, dann werden Ernte, Verkauf und Wiederaufforstung ein Nullsummenspiel“, wagte Udo Kaufmann eine Prognose.

„Stadt- und Bürgerwald dienen der verschiedensten Nutzung: Naherholung, Luftverbesserung, Jagd, Ruhewald und natürlich der Waldwirtschaft. Künftig – vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Gremien – auch als Waldkindergarten. Die Erträge durch Holzverkauf sind für die Stadt eine willkommene Einnahme, dafür muss aber auch viel getan werden“, stellte Bürgermeister Gerhard Schultheiß am Ende der Befahrung fest.