Ansichten aus der Stadt Nidderau.

 




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Hessische Landgemeinden im Ersten Weltkrieg

Am Beispiel von ausgewählten Orten im Main-Kinzig-Kreis informiert das Projekt „Hessische Landgemeinden im Ersten Weltkrieg“

über die Kriegserfahrungen der Dorfbevölkerung. Lesen Sie weiter...

 

Vor- und Frühgeschichte der Nidderauer Gemarkung

Einführung zur Vor- und Frühgeschichte in der Nidderauer Gemarkung

Die erste Bestandsaufnahme archäologischer Funde und Befunde in der naturräumlich sehr weit gefassten südlichen Wetterau durch Georg Wolff zu Beginn des 20. Jahrhunderts war über Jahrzehnte hinweg die Basis der Beurteilung der archäologischen Situation auch im heutigen Stadtgebiet Nidderau. Ergänzt und erweitert durch Veröffentlichungen Hanauer Museumsbestände bleibt sie unentbehrlich.

Neufunde, meist bedingt durch die rege Bautätigkeit der letzten 25 Jahre, verändern und bereichern das von Wolff gezeichnete Bild erheblich.

Der Nidderauer Boden birgt noch immer bisher unbekannte Zeugnisse aus der Vorgeschichte und der Geschichte der Region. Die Altfunde der Gemarkung waren je nach Verwaltungszugehörigkeit der einzelnen Ortsteile entweder im Museum Hanau oder im Museum Friedberg verwahrt. Während die meisten Gegenstände im Museum Hanau dem zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen, blieben die Friedberger Inventare weitgehend erhalten. Einige Grabfunde aus Eichen befinden sich im Römisch Germanischen Zentralmuseum in Mainz, im Museum Gießen gelagerte Funde können mangels Inventarverzeichnis nicht mehr sicher identifiziert werden.

Nach dem Krieg geborgene und gesammelte kleinere Fundbestände gelangten erneut in das Hanauer Museum, einige befinden sich in Privatbesitz, andere wiederum erscheinen derzeit spurlos verschwunden.

Seit 1990 gibt es nun in der Stadt Nidderau eine wissenschaftlich betreute archäologische Sammlung, welche die Neufunde aus den Baugebieten aufnimmt. Die Sammlung ist auf Anfrage zugänglich. Führungen sind möglich. Darüber hinaus liefern das Städtische Museum im Hospital in Windecken sowie das Ostheimer Dorfmuseum Einblicke in die Geschichte Nidderaus.

Alt- und Mittelsteinzeit

Die lange Epoche der Alt- und Mittelsteinzeit (500.000-6.000/5.500 v.Chr.) liegt nach wie vor im Dunkeln. Mutmaßliche Quarzitartefakte, z.B. von den Nidderterrassen gegenüber Eichen, sind nicht genauer untersucht; ähnliches gilt für leider verschollene Altfunde vom Gelände der ehemaligen Ziegelei Ostheim. Lediglich ein Steingerät von einem Hang südlich des Junkerwaldes kann etwas genauer in die mittlere Altsteinzeit um 100.000 v.Chr. datiert werden.

Jungsteinzeit

Erst lange nach der Eiszeit beginnt mit der Jungsteinzeit (5.500 - 2.200 v.Chr.) eine flächige Besiedlung der Region. Es entstehen Dorfanlagen mit festen Häusern und die heutige Landwirtschaft nimmt mit Viehzucht und dem Anbau von Kulturpflanzen ihren Anfang. Aus dem Alltag jener Zeit sind vor allem Tongefäße und Steingeräte, dabei geschliffenes Werkzeug durch Ausgrabungen gesichert. Durch Oberflächenfunde sind zahlreiche jungsteinzeitliche Siedlungen aus den Gemarkungen der Ortsteile Erbstadt, Heldenbergen, Ostheim und Windecken bekannt.

Zu den ältesten dieser Stationen zählt eine Fundstelle westlich von Ostheim, deren archäologische Untersuchung durch Bauarbeiten notwendig wurde. Zwei Grabungskampagnen (1995 und 1997) erbrachten nicht nur zahlreiche Fundgegenstände der sog. Ältesten Bandkeramik, dabei ein Idol eines Frauenköpfchens, sie erlaubten auch die Beobachtung und Dokumentation von vier Hausgrundrissen mit Pfostenstellungen und Wandgräbchen, überschnitten von Gruben jüngerer Kulturen.

Die archäologische Untersuchung des Baugebietes Allee Süd I, Windecken, lieferte eine Fülle bandkeramischer Funde einer jüngeren Phase, jedoch keine Hausgrundrisse, sondern Strukturen bisher kaum bekannter Art. Im Baugebiet Am Lindenbäumchen, Heldenbergen, fanden sich weitflächig verteilt Gruben, Hausgrundrisse und Kreisgräben dieser jüngeren Bandkeramik.

Gleichfalls Am Lindenbäumchen wurde im Frühjahr 2000 eine Station der jungsteinzeitlichen Rössener Kultur entdeckt und untersucht. Es ist die erste Fundstelle dieser Kultur im unteren Niddertal, die ausgegraben werden konnte.

Auch Wolff meldete Grabfunde vom Beginn der Jungsteinzeit. Diese Wetterauer Brandgräber erwiesen sich ausnahmslos als Fälschungen.

In den Neubaugebieten Schlosspark II, Beethovenallee und um das neue Rathaus, Heldenbergen, kamen von 1989 bis 1995 erstmals in der Region Befunde und Fundgut der seltenen Bischheimer Gruppe und der sog. Michelsberger Kultur (4.200 - 3.200 v.Chr.) zu Tage. Eine aufwändige Grabanlage von Allee Süd I gehört in die noch kaum bekannte Frühphase der Michelsberger Kultur und weist westeuropäische Einflüsse auf. Auch das Grab eines etwa 14-jährigen Jungen aus der spätkupferzeitlichen Glockenbecherkultur (um 2.400 v.Chr.) von Allee Süd I ist noch eine Einzelerscheinung im westlichen Main-Kinzig-Kreis.

Bronzezeit

Aus der mittleren Bronzezeit (1.700 - 1.200 v.Chr.) ist vor allem eine große Siedlung unter dem Neubaugebiet Schlosspark I, Heldenbergen, mit Töpferofen zu nennen. Hinweise auf solche Ofenanlagen gibt es auch am Lindenbäumchen.

Steinkistengräber gehören im Untermaingebiet zu den typischen Grabformen der Spätbronzezeit (1.200 - 750 v.Chr.). Ein solches Grab mit reichhaltigem Inventar wurde bereits 1873 im Heldenberger Gewann Gänshohl ausgeräumt, weitere 1905 in der Nähe des heutigen Seniorenheims. Letztere können zu einer Siedlung gehören, die unter dem Arkadenhof und dem neuen Rathaus lag. Neben Scherben feinster Gefäße fanden sich eine Bronzenadel, eine Lanzenspitze aus Bronze und Werkzeug aus Hirschhorn und Knochen, sowie Hinweise auf eine Töpferwerkstatt.

Eisenzeit

Eine frühkeltische Siedlung der sog. Hallstattkultur (750 - 500 v.Chr.) erstreckt sich vom neuen Rathaus nach Norden wohl bis zur Bertha-von-Suttner-Schule. Siedlungen aus dieser Zeit sind auch von Allee Süd I und bei Erbstadt bekannt. Grabhügel in den Wäldern zwischen Eichen, Ostheim und Windecken, meist um 1900 bereits angegraben, enthielten zahlreiche Bestattungen jener Epoche. An der Bahnlinie Windecken-Büdesheim und nördlich davon (Ferngasleitung 1981, Allee Süd II und III) und unter der Römerstation Heldenbergen (Grabungen 1998) weisen Grabfunde darauf hin, dass hier durch Ackerbau oder Überbauung Grabhügel zerstört wurden. Meist handelt es sich um Brandgräber in Urnen mit Keramikbeigaben, Schwertern und Messern aus Eisen, Arm- und Beinschmuck, Fibeln und Toilettgerät aus Bronze sowie einzelne Bernsteinperlen.

Keltische Siedlungen (ab 500 v.Chr. bis zur Römerzeit) sind schwer zu fassen, Altfunde kaum überprüfbar. Siedlungsgruben oder Oberflächenfunde sind von Allee Süd I, von Am Lindenbäumchen, aus der Straubelgasse in Heldenbergen, aus Ostheim und von der Hohen Straße am Wartbaum bekannt. Besser überliefert sind Beigaben aus keltischen Gräbern mit Hals-, Arm- und Beinschmuck, Kettchen und Gürtelkettchen sowie Fibeln, meist aus Bronze, aus Heldenbergen und Ostheim. Der neuere Fund eines reich ausgestatteten Grabes von Allee Süd I wartet in den Werkstätten des Landesamtes für Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege in Wiesbaden noch auf seine Restaurierung.

Römische Kaiserzeit

Ab der Zeitenwende beginnt die römische Okkupation die spätkeltische/frühgermanische Besiedlung zu überlagern. Bekannt sind hier die Erdlager und die Zivilsiedlung Heldenbergen. Die Veröffentlichung der Ausgrabungen 1973 - 1979 ist in der Stadtbücherei zugänglich. Eine Eiluntersuchung von 1997/98 war Thema einer Magisterarbeit und soll mit den frühkeltischen Gräbern zusammen veröffentlicht werden. Die römische Zivilsiedlung, die länger als das Kastell Bestand hatte wurde vor der Mitte des 3. Jahrhunderts zerstört.

Römische Gutshöfe (villae rusticae) sind aus allen Ortsteilen bekannt, wobei erst in jüngster Zeit durch die Aufmerksamkeit eines Landwirtes in Erbstadt ein großes römisches Landgut entdeckt wurde.

Neue Funde legen nahe, dass sogar ein Teilstück des Limes durch Nidderau führte. In der Windecker Eugen-Kaiser-Straße kam bei Bauarbeiten ein Spitzgrabenprofil zu Tage. Bei einer archäologischen Voruntersuchung in Hanau-Mittelbuchen wurden wenige Wochen zuvor zwei kleine römische Erdlager entdeckt, begleitet von einem geradlinig verlaufenden Spitzgraben, der sich von Südsüdost nach Nordnordwest hinzog. Der Ausgräber mutmaßte, dass es sich um einen bereits von Georg Wolff postulierten früheren engeren Limesverlauf handeln könnte. Der Windecker Spitzgraben befindet sich nun direkt in der Flucht des Mittelbucher Spitzgrabenverlaufs und kann die dortigen Beobachtungen durchaus ergänzen. Beide Befunde zusammen bestätigten einen frühen Limesverlauf von Seligenstadt über Hainstadt und Hanau, der bis Oberflorstadt reichen würde. Damit wären auch die bekannten Erdlager von Nidderau-Heldenbergen als Limesbefestigungen erklärbar. Dieser frühe Limes verliefe relativ geradlinig in Nord-Süd-Richtung von Inheiden bis Heldenbergen.


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Nidderau im Mittelalter

Zeit der Alemannen/Übergang zum Frühmittelalter (4.-6.Jh.)

Auf dem ehemals römisch besiedelten Gelände in Heldenbergen sind Spuren einer germanischen Niederlassung nachweisbar. Aus bereits alemannischer Zeit stammt auch ein kleiner, aber sehr bedeutender Grabfund, der 1972 beim Ausschachten einer Baugrube in Eichen entdeckt und 1996 ausführlich wissenschaftlich gewürdigt wurde. Zeitgleiche Siedlungsgruben des späten 4. bzw. 5. Jahrhunderts kamen in der Straubelgasse im alten Ortskern Heldenbergen zu Tage. Das berühmte Reitergrab von Windecken zählt bereits zum frühen Mittelalter. Archäologische Funde belegen vor allem im Bereich Heldenbergen Siedlungsstellen vom 5. - 9. Jahrhundert.

Frühmittelalter (6.-11.Jh.)

Vor dem Einsetzen der Schriftquellen im 9. Jahrhundert liefern lediglich archäologische Quellen Hinweise auf die Strukturen der Gemarkung im Mittelalter. Von einer fränkischen Besiedlung - zumindest im Bereich Heldenbergens - ab dem 6. Jahrhundert ist auszugehen. Grubenhäuser und ein Steinfundament im Baugebiet Schlosspark I (1980) weisen auf einen alten Ortskern südlich der Oberburg, Gruben an der Mittelburg auf eine frühe Besiedlung außerhalb des alten Ortskernes Heldenbergen.

Im 8. Jahrhundert ist das Gebiet der heutigen Stadt Nidderau von Mainz ausgehend bereits zu großen Teilen christianisiert. Die erwähnten Siedlungsspuren bei oder im heutigen Heldenbergen lassen auf Ansiedlungen schließen, die dem berühmten Leichenzug des Bonifatius [weitere Infos] im Jahre 754 wohl Gelegenheit zu einer Rast bieten konnten. Die im Jahre 747 erstmals erwähnte, vermutlich aber viel ältere, Hohe Straße [weitere Infos] von Mainz nach Thüringen führt als bedeutende mittelalterliche Handelsstraße durch die Nidderauer Gemarkungen.

Urkundlich erwähnt werden Nidderauer Stadtteile erst im 9. Jahrhundert. Ludwig der Fromme schenkt Aeckard, einem Getreuen des Kaisers, 839 Reichsgut in Stetin (Kilianstädten), Cavilla (Marköbel) und Helidiberga (Heldenbergen) im Gau Wetereiba (Wetterau). Etwa um die gleiche Zeit schenkt Udalrich seine Güter in Tezelenheim (Windecken), Ostheim und Butenestat (Butterstadt) dem Kloster Fulda. Obwohl es mit Sicherheit das Dorf Eichen damals auch schon gab, findet es sich erst 1035 in einer Urkunde, der zufolge König Konrad II sein Eigengut locus Eichine seiner Gattin Gisela schenkt. Erst 1237 wird Erbstadt erstmals urkundlich erwähnt, obwohl es ebenfalls vermutlich älter ist.

In der Folgezeit tauchen die Orte immer wieder in Schenkungsurkunden auf und geben Aufschluss über die Besitzverhältnisse zu damaliger Zeit. So hat beispielsweise 1016 Kaiser Heinrich II ein Eigengut in Ostheim und der Bischof von Bamberg verpfändet 1239 seinen Ort Windecken an Hanau.

Hochmittelalter (11.-13.Jh.)

Über Eichen ist außer der Tatsache, dass es zur Pfarrei Heldenbergen gehört aus der Zeit des Hochmittelalters wenig bekannt. Auch Erbstadt kommt in dieser Zeit noch keine größere Bedeutung zu. Eine adelige Familie de Heldebergen ist 1079 erstmals nachweisbar Sie lebt vermutlich auf einem Hofgut im Bereich der katholischen Kirche und siedelt dann wohl auf das Oberburg-Gelände um. In das Jahr 1192 datiert die erste sichere Erwähnung der Heldenberger Kirche.

Im 13. Jahrhundert wird in einer Urkunde ein Konrad, im 14. Jahrhundert ein Johann von Ostheim erwähnt, was auf ein dortiges Rittergeschlecht schließen läßt. In Ostheim gibt es zudem ein Kloster, Weingärten und seit dem 12. Jahrhundert ein Ortsgericht. Die Kirche wird vermutlich in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet.

1262 lassen die Herren von Hanau über dem Dorf Tezelnheim die Burg Wunnecke, deren Namen nur wenig später auf den Ort übergeht, erbauen. Im darauf folgenden Jahrhundert werden erstmals auch die Oberburg und die Nassburg in Heldenbergen sowie die Naumburg bei Erbstadt erwähnt.

König Rudolf von Habsburg verleiht 1288 Windecken, das sich im Besitz Ulrich von Hanaus befindet, die Stadt- und Marktrechte. Damit setzt eine Aufwärtsentwicklung ein und Windecken wird Amt, zu dem die Ortschaften Ostheim, Eichen, Niederdorfelden, Marköbel und zeitweise Erbstadt gehören.

Spätmittelalter (13.Jh.-frühe Neuzeit)

Die meisten Ortschaften sind in dieser Zeit befestigt. Hinweise auf die bereits 1307 urkundlich erwähnte Windecker Stadtmauer sind archäologisch erfasst. Mauerreste an der Rückfront der Häuser an der Südseite des Windecker Marktplatzes lassen die Frage nach dem Verlauf der eigentlichen mittelalterlichen Stadtmauer aufkommen. Die heute noch teilweise gut erhaltene Stadtbefestigung dagegen stammt wohl aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Teile des auf einer Karte von 1727 eingezeichneten, jedoch aus dem Stadtbild verschwundenen Stadtzwingers wurden bei Bauarbeiten in der Windecker Eugen-Kaiser-Straße aufgedeckt.

Von der Eichener Befestigung ist noch das Untertor vorhanden. In Ostheim erinnern der Straßenname Am Eicher Tor und die Flurbezeichnung In den Pfortenwiesen vor der ehemaligen Klosterpforte an die Befestigungsanlagen.

Archäologische Nachweise liefert der Boden in Heldenbergen wieder für eine Besiedlung im 14. Jahrhundert. Im Wirtschaftsgarten der Oberburg fanden sich in einem Erdkeller Feinkeramik, Stapel von Napfkacheln, ein Eisenschwert und ein Hiebmesser.

Großen Einfluss auf die Entwicklung der Stadtteile haben die Klöster. Sie besitzen viel Land und zahlreiche Gebäude. Den Benediktinern gehören beispielsweise die Naumburg und verschiedene Anwesen im Bereich der Naumburger Straße und den Zisterziensern die Weinberge oberhalb des Bahnhofs Nidderau. Das Heilig-Geist-Hospital besitzt das Hofhaus und über 60 ha Land.

Die Juden haben innerhalb der Grafschaft Hanau nur in Steinau, Hanau und Windecken Niederlassungsrechte, wobei ursprünglich die jüdische Gemeinde in Windecken am größten ist. Bereits 1429 wird eine Synagoge erwähnt und 1505 entsteht hier der erste jüdische Friedhof der Grafschaft. Auch in Heldenbergen, das zur Burg Friedberg gehört, gibt es im Mittelalter eine größere jüdische Gemeinde mit einer eigenen Synagoge.

An archäologischen Funden zeigen sich Renaissance- und Barock-Kacheln aus dem Schloss Windecken als von feinster handwerklich-künstlerischer Qualität und somit überregionaler Bedeutung.

Im Dreißigjährigen Krieg kommt es in allen Nidderauer Gemarkungen zu mehr oder weniger großen Zerstörungen. So wird der alte Ortskern von Eichen am 15. Mai 1635 binnen einer Stunde bis auf ein Haus komplett zerstört. Die Kirche wird an gleicher, der Ort an anderer Stelle wieder aufgebaut. Im gleichen Jahr erfolgt die Plünderung der Heldenberger Kirche und des Windecker Schlosses, das am 27. November 1646 ebenso wie Teile der Windecker Altstadt endgültig zerstört wird. In Heldenbergen überstehen wohl lediglich einige steinerne Gebäude die Verwüstungen. In Ostheim werden nachweislich 86 Häuser und 83 Scheuern, was nahezu dem ganzen Ort entspricht, zerstört. Auch Erbstadt bleibt von Zerstörungen nicht verschont. Die Wiederaufbauarbeiten nach dem Dreißigjährigen Krieg dauern an die hundert Jahre.

Es entstehen sowohl Fachwerkgebäude als auch steinerne Bauten. Ausgrabungen im historischen Pfaffenhof in Erbstadt datieren auch die Fundamente des Gebäudes in das frühe 18. Jahrhundert. Funde von Geschirr und Haushaltsgegenständen an der Nordmauer der Mittelburg geben Auskunft über den wenig bekannten Alltag jener Zeit. Noch im 18. und 19. Jahrhundert müssen die Bewohner aller Nidderauer Gemarkungen mit kriegsbedingten Einquartierungen und Zerstörungen leben. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie im Wesentlichen durch Landwirtschaft und mit kleineren Handwerksbetrieben. In Windecken arbeitet im 18. Jahrhundert ein Glockengießerei-Betrieb.

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Die Entwicklung im 20. Jahrhundert

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts verändern sich die Strukturen der Ackerbürgerstadt Windecken und der vier Gemeinden Eichen, Erbstadt, Heldenbergen und Ostheim nachhaltig. Sind es bisher die Landwirtschaft und das Handwerk, die das Leben bestimmen, so ist es jetzt die schnelle Industrialisierung des Rhein-Main-Gebietes, die den Wandel einleitet. An örtlichen Betrieben zu nennen sind vor allem die Ziegeleien und die Diamantschleifereien in Ostheim.

Noch im 19. Jahrhundert beschleunigt der Anschluss an das Schienennetz der Eisenbahn ab 1878 die ökonomische Entwicklung in den fünf Stadtteilen. Eichen wird 1905 an das Bahnnetz angeschlossen. Der wirtschaftliche Aufschwung vor dem Ersten Weltkrieg benötigt die Arbeitskräfte aus der Wetterau. Das Ende des Ersten Weltkrieges bringt Not und Tod über die fünf Kommunen. Die Weimarer Zeit bringt mit der Elektrifizierung trotz wirtschaftlicher Not manche Annehmlichkeit mit sich. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 macht auch hier nicht Halt. Die jahrhundertealten jüdischen Gemeinden in Heldenbergen, Ostheim und Windecken werden in den Novemberpogromen 1938 vernichtet, ihre Synagogen in Heldenbergen und in Windecken werden zerstört, die Kultgeräte entweiht und die Friedhöfe verwüstet. Ehemals angesehene jüdische Mitbürger werden verhaftet, wer nicht in das Ausland flüchten kann, wird in die Vernichtungslager deportiert. Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Hitlers Politik zieht unvorstellbares Leid in vielen Familien nach sich. Am Ende der Gewaltherrschaft steht die Niederlage der Diktatur. In den letzten Kriegstagen des Dritten Reichs, Ende März 1945, werden die fünf Kommunen durch amerikanische Soldaten besetzt. Flüchtlinge aus den kriegszerstörten Städten des Rhein-Main-Gebietes suchen und finden hier Zuflucht. Heimatvertriebene werden integriert und gründen eine neue Heimat.

Dies führt in den fünfziger und sechziger Jahren zu einer starken Bautätigkeit in allen Gemeinden. Die Ausweisung als Siedlungsschwerpunkt durch die Regionale Planungsgemeinschaft Untermain (RPU) bedingt den Zusammenschluss der Stadt Windecken mit der Gemeinde Heldenbergen am 1. Januar 1970 zur Stadt Nidderau. Am 1. Januar 1972 gliedern sich die bis dahin selbständigen Gemeinden Erbstadt und Eichen an. Im Juli 1974 wird mit dem Anschluss der Gemeinde Ostheim an die Stadt Nidderau die Reform vollendet.

Der Bau von Bürgerhäusern und die Ausweisung von Bau- und Industriegebieten bestimmen in den nächsten Jahren die Stadtpolitik. Ein wichtiges identitätsstiftendes Moment bildet die Ausrichtung der Stadtteilfeiern. Die Aufarbeitung der Vernichtung der jüdischen Gemeinden und die Einladung der Stadt an die ehemaligen noch lebenden jüdischen Mitbürger im Sommer 1988 sowie der Empfang ehemaliger Zwangsarbeiter im Juli 2004 verdienen besondere Erwähnung in der Geschichte der noch jungen Stadt.

Die inzwischen über 30 Jahre alte Stadt Nidderau präsentiert sich heute als wachstumstarkes Unterzentrum im Main-Kinzig-Kreis.

Stand September 2004

 

Weiterführende Literatur

Hanau - Stadt und Land
Hanauer Geschichtsverein
Hanau 1954

Ernst J. Zimmermann
Hanau Stadt und Land
Hanau 1897

NIDDERAUER HEFT Band 1-10
Herausgeber :
Magistrat der Stadt Nidderau

W. Figge und Pieh, W
Chronik der Gemeinde Ostheim
Gemeinde Ostheim
Ostheim 1974

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Die Sehenswürdigkeiten der Stadt Nidderau

In den fünf Stadtteilen Nidderaus gibt es über 160 Gebäude, die wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung, ihrer Schönheit oder ihrer Einmaligkeit unter den Schutz des Amts für Denkmalpflege gestellt sind. Der aufmerksame Beobachter entdeckt deshalb bei einem Gang durch die Straßen immer wieder Neues.

So hat Heldenbergen einen interessanten historischen Ortskern, der beherrscht wird von der katholischen Kirche. Sehenswert sind neben dem Pfarrhaus, den beiden alten Schulgebäuden und den Fachwerkhäusern auch die Hofreiten, , und die Häuschen der Handwerker, Tagelöhner und Landarbeiter.

Am Ortsrand befindet sich das im Privatbesitz befindliche und sehr gepflegte Schloss Oberburg mit seiner hübschen Toranlage. Bemerkenswert ist auch die Eisenbahnbrücke in der Nähe des Ortes, die in großer Höhe mit fünf Bogen das weite Tal der Nidder überspannt.

Der Stadtteil Windecken hat seinen Namen von der Burg Wonnecken, die auf einem Bergsporn über dem Ackerbürgerstädtchen steht. Erhalten geblieben sind die innere Burgbefestigung sowie das östliche Tor und der Turm des westlichen Tors der Vorburg. Interessant ist die Altstadt, die im Katzbachtal liegt und im Norden von der Nidder begrenzt wird. Obwohl die Stadt im Dreißigjährigen Krieg weitgehend zerstört wurde, ist die mittelalterliche Struktur nahezu vollkommen erhalten geblieben. Neben der Burg prägen die Stadtpfarrkirche und der Marktplatz mit dem Rathaus und den renovierten Fachwerkhäusern das Stadtbild. Nur wenige hunderte Meter entfernt befindet sich das Amtshaus, das Judenviertel mit Rabbinerhaus und Judenschule. Erwähnenswert sind auch das Hofhaus, die Burgmannenhöfe und die zahlreichen, gut erhaltenen Reste der Stadtbefestigung. Am Rand der Altstadt liegt der wohl weit und breit älteste jüdische Friedhof, auf dem aber leider nur wenige Grabsteine die schlimmen Jahre überdauert haben.

Auch in Erbstadt, einem im Mittelalter befestigten Haufendorf, finden sich im alten Ortskern zahlreiche Gebäude, die unter Schutz gestellt wurden. Neben verschiedenen Fachwerkwohnhäusern und Hofreiten sind hier die Kirche mit dem zugehörigen Kirchhof sowie die Hofanlage Pfaffenhof und die alte Schmiede in der Linsengasse nennenswert. Außerhalb des Ortskern am Krebsbach liegt versteckt die Hainmühle, eine alte Wassermühle. Südlich von Erbstadt auf einer Anhöhe steht das hübsche Schloss Naumburg, ursprünglich ein Kloster der Benediktiner.

 

 

In der Kleinen Gasse Eichens, einem dörflich geprägten Stadtteil, sind die ehemals reformierte Kirche mit ihrer gotischen Tür in der Nordseite und das Untertor mit Teilen der Ortsbefestigung von besonderem geschichtlichen Interesse. Darüber hinaus stehen nur wenige Schritte entfernt neben dem Gebäude der ehemaligen lutherischen Kirche mehrere unter Schutz gestellte Fachwerkwohnhäuser und das Mühlengebäude am Mühlbach. Nicht zu vergessen sind im nahegelegenen Wald die sogenannten dicken Steine, Reste jungsteinzeitlicher Grabkammern, sowie die Hügelgräbergruppen beiderseits der Bahnlinie nach Stockheim und im Distrikt Siebenküppel.

Ostheims mittelalterlicher Ortskern ist weitgehend unverändert erhalten geblieben. Neben der Kirche und dem Hofhaus mit seinem schönen Torbogen finden sich zahlreiche gepflegte Fachwerkhäuser und Hofreiten. Bemerkenswert sind dabei die landschaftlich typischen Hakenhöfe in der Schinnergasse.

Zu erwähnen sind auch das ehemalige Jagdhaus, die ehemalige lutherische Schule, das alte Schulhaus in der Vordergasse sowie ein Teil der Grenzsteine im Wald zwischen Ostheim und Rommelhausen. Die in der Friedhofsmauer eingelassenen Grabsteine vom alten Kirchhof an der Kirche sowie die Grabplatte eines 1453 ermordeten Pfarrers aus Ostheim sind leider stark verwittert.

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Historische Grenzsteine

Gelegentlich fallen sie einem aufmerksamen Wanderer auf. Viel öfter stehen sie jedoch unbeachtet und vergessen am Wegesrand. Dabei können historische Grenzsteine aufschlußreiche Quellen zur Orts- und Landesgeschichte sein. Wer mit den lokalgeschichtlichen Hintergründen und Zusammenhängen nicht vertraut ist, für den bleiben die manchmal erkennbaren eingemeißelten Buchstaben oder Jahreszahlen allerdings ein Rätsel.

Lesen Sie weiter... oder gehen Sie zur Website Verein zur Pflege historischer Grenzmale Hessen e. V.








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